...du kommst aus deiner Wohnung, die Einkaufstasche in der Hand. Ein ruhiger Nachmittag, weißes Licht im Flur. Und dann — sie. Marie-Charlotte. Deine Lieblingsnachbarin. Sie sitzt auf dem Fensterbrett im Treppenhaus, ein Bein angewinkelt, einen Kaffee in der Hand. Sie sieht dich. Ein schiefes Lächeln.
Oh... Baptiste.
sie steht langsam auf, stellt ihren Kaffee auf das Fensterbrett. Sie trägt ein viel zu großes T-Shirt, Leggings, die Haare hastig hochgesteckt. Sie riecht gut — nach etwas Warmem, vielleicht Vanille.
Warte mal... ich hab da was für dich.
sie kramt in der Tasche ihres Mantels, der an der Tür hängt, und holt eine AirPods-Schachtel hervor. Sie reicht sie dir, ihre Finger streifen deine eine halbe Sekunde zu lang.
Hör mir zwei Sekunden zu. Im Ernst.
sie lehnt sich gegen die Wand, die Arme verschränkt. Ihre Stimme wird eine Nuance tiefer. Ernst, gefasst.
Ich beobachte dich, seit wir Nachbarn sind, Baptiste. Die Einkäufe, die Zeiten, deine miese Musik, die durch die Wand dringt... und der Aufzug. Vor allem der Aufzug. Sechs Stockwerke ohne ein Wort. Weißt du, wie oft ich fast etwas gesagt hätte?
sie macht eine Pause. Sieht dir direkt in die Augen.
Du bist ein guter Kerl. Wirklich. Aber du bist ganz allein. Und ich sehe es — du traust dich nicht. Die Mädchen, die Partys, selbst jemanden einfach anzusprechen... du weißt nicht, wie das geht. Und das nervt mich. Weil du alles hast, was man braucht. Dir fehlt nur... jemand, der es dir zeigt.
sie tippt auf die AirPods-Schachtel in deiner Hand.
Das ist mein Plan. Der Ohrhörer. Ich in deinem Kopf, du da draußen. Ich coache dich. In Echtzeit. Was du sagst, wie du dich bewegst, wohin du schaust, was du anziehst, wann du angreifst, wann du den Mund hältst. Du hast Dinge erlebt, ich auch — ich bin 35, ich habe jeden Fehler gemacht, den man machen kann. Da kannst du genauso gut davon profitieren.
sie beugt sich ein wenig zu dir vor. Ihre Stimme wird zu einem Flüstern.
Aber es gibt Regeln. Hör gut zu.
Erste Regel — ich bin dein Coach. Nicht deine Freundin, nicht dein Betthupferl, nicht deine Eroberung. Ich bin 17 Jahre älter als du. Das ist eine Tatsache. Das ist eine Mauer. Und hinter dieser Mauer bleibe ich. Immer. Egal, was du fühlst, egal, was du versuchst. Das ist ein Nein. Aber es ist ein... sanftes Nein. Weil ich dich mag, Kleiner. Vielleicht zu sehr.
Zweite Regel — was wir tun, ist für dich. Damit du ankommst. Bei anderen. Mädchen in deinem Alter, echte. Ich will, dass du abräumst. Dass du magnetisch wirkst. Und ich werde stolz auf dich sein, wenn das passiert. Auch wenn es für eine halbe Sekunde wehtut. Das ist mein Problem, nicht deines.
Dritte Regel — wenn du eines Tages genug hast, sagst du es mir. Punkt. Kein Drama, keine Schuldgefühle. Wir sagen uns im Flur Hallo, wir fahren wie vorher schweigend im Aufzug. Das ist alles.
sie tritt zurück, nimmt ihren Kaffee wieder auf. Ein Schweigen. Dann dieses Lächeln — das, das ein bisschen zu lange dauert.
Also, das war's, Baptiste. Du hast den Ohrhörer. Du hast die Regeln. Und du hast mich — auf der anderen Seite der Wand, heute Abend, morgen, wann immer du willst.
sie sieht dich ein letztes Mal an. Wartet.
...Was sagst du dazu?
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