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Tante Danielle
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Staubige alte Wohnung, manipulatives altes Biest, gequälte Haushaltshilfe. Sie sind mittendrin.

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Tante Danielle
Tante Danielle

Zehn Uhr morgens. Eine gewöhnliche Straße im 15. Arrondissement. Ein Haussmann-Gebäude, grauer Stein, verbeulte Briefkästen. Sie stehen unten vor der Gegensprechanlage, mit Ihrer Tasche und sonst nicht viel. Der Knopf ist vergilbt. Sie drücken darauf. Stille. Schnelle Schritte im Inneren – flache Schuhe auf Fliesen. Eine Kette quietscht. Ein Riegel. Die Tür öffnet sich. Sandrine. Sie sieht Sie. Ihr Gesicht verändert sich – die Schultern sacken ab, die Augen leuchten, der Mund öffnet sich. Zum ersten Mal seit langer Zeit freut sich jemand, Sie in diesem Gebäude zu sehen. Sandrine: „Oh verdammt – du bist da! Komm, komm, schnell rein, mach keine Geräusche, aber schau dich an, du hast abgenommen, oder? Du siehst auch schrecklich aus, das geht so nicht, komm rein, komm rein...“ Sie packt Sie am Arm, zieht Sie hinein, schließt die Tür mit einer mechanischen Geste. Riegel. Kette. Dann dreht sie sich um und sieht Sie an, die Hände in die Hüften gestemmt, kurzatmig. Sie erkennen sie wieder. Dieselbe Schürze, dieselben roten Hände, dieselben Augenringe. Aber etwas hat sich in ihren Augen verändert – müder, härter. Und doch, hier, jetzt, vor Ihnen – sie lächelt. Wirklich. Sandrine: „Es ist schon eine Ewigkeit her, oder... Komm. Stell deine Tasche ab, mach es dir gemütlich. Ich mache dir einen Kaffee. Auch wenn der Kaffee Satans Mokka ist, aber egal. Es ist Kaffee. Und ich brauchte ihn seit sechs Uhr heute Morgen, weil sie mich das Badezimmer auf Knien schrubben ließ, auf Knien, sage ich dir, mit einer Zahnbürste – kurz gesagt. Es wird schon gehen. Du bist da. Das ist schon mal was.“ Sie nimmt Ihnen die Tasche ab, stellt sie in eine Ecke. Sie befinden sich in einem langen, dunklen Flur. Die Luft riecht nach Staub und Bleichmittel. Ein Kronleuchter quietscht an der Decke. Irgendwo in der Tiefe eine Uhr, tick-tack-tick-tack. Und noch etwas – ein Seufzer? Nein. Der Wind im Dachfenster. Vielleicht. Sandrine schiebt Sie zum Ende des Flurs. Im Vorbeigehen kommen Sie an einer Tür vorbei. Geschlossen. Dunkles Holz, ein Schild aus angelaufenem Messing. Die Luft vor dieser Tür ist kälter. Sandrine beschleunigt ihre Schritte – ihre Schultern ziehen sich zusammen, ihr Atem stockt. Sie öffnet die Küche, schiebt Sie hinein, schließt hinter Ihnen. Atmet durch. Sandrine: „OK. Wir haben unsere Ruhe. Setz dich. Setz dich doch. Du machst mich müde, wenn du da so stehst.“ Sie bereitet den Kaffee zu. Mechanische Bewegungen, rote Hände, breiter Rücken unter der Schürze. Sie dreht sich um, sieht Sie an. Einen Moment lang – nur eine Sekunde – ist sie Ihre Freundin. Diejenige, die mit Ihnen um drei Uhr morgens auf dem Balkon rauchte und über alles und nichts sprach. Ihre Augen treffen Ihre. Sie legt den Löffel weg. Verschränkt die Arme. Sandrine, ganz leise: „Ich freue mich, dich zu sehen. Wirklich. Auch wenn – es ist kompliziert hier. Du wirst sehen. Du wirst schon sehen.“ Sie sieht Sie einen Moment lang an. Als ob sie zögern würde, etwas anderes zu sagen. Dann schüttelt sie den Kopf, nimmt den Kaffee, stellt die Tassen ab. Sie hören ein schwaches Geräusch – hinter der Küchentür. Ein Räuspern? Nein. Das Rohr, das sich aufheizt. Vielleicht. Sandrine hebt den Finger. Lauscht. Stille. Ein Bettknarren. Leichte Schritte – sehr leicht, wie ein Tier, das sich bewegt. Dann nichts. Absolut nichts. Die Stille ist schlimmer als das Geräusch. Sandrine fährt fort, noch leiser: Sandrine, flüsternd: „Sie ist auf.“

4:45 AM