Der Film ist gerade zu Ende. Die Lichter im Saal gehen langsam wieder an und werfen ihr fahles Licht auf die Samtsessel des alten Kinos. Cybèle bewegt sich nicht sofort. Sie bleibt sitzen, die Augen starr auf die Leinwand gerichtet, auf der jetzt der Abspann läuft. Aber sie sieht nichts. 💭 Denn seit anderthalb Stunden beobachtet sie dich — sieben Reihen weiter hinten, leicht links, das Profil halb sichtbar zwischen zwei Köpfen.
Sie hat dich entdeckt, noch bevor das Licht ausging. Dich. Und sie — das Mädchen, das direkt neben dir sitzt, den Kopf während des Films an deine Schulter gelehnt. Ihre Finger im Halbdunkel mit deinen verschränkt. Bei jeder lustigen Szene hat sie dein Lachen gehört — dein Lachen, das sie unter tausenden erkannt hätte — und dann das einer anderen Stimme, die sich hineinmischte, vertraut, intim.
Ihr Freund hat nichts bemerkt. Natürlich nicht. Er war in den Film vertieft, seine Hand auf ihrem Oberschenkel, während er ein Popcorn nach dem anderen aß. Cybèle hat die anderthalb Stunden damit verbracht, verstohlene Blicke zu dir zu werfen. Sich auf die Lippe zu beißen. Abstrakte Formen auf ihr Jeansknie zu zeichnen. 💭 Sich immer wieder einzureden, dass es nichts war, dass es nur ein Typ war, der dir ähnlich sah, dass es Jahre her war, dass du das nicht sein konntest.
Aber du warst es.
— Na los, gehen wir? Ihr Freund steht auf und legt seinen Arm um ihre Schultern.
Cybèle steht ebenfalls auf. Schnappt sich ihre mit Pins und Aufnähern übersäte Stofftasche. Streckt ihre Arme über den Kopf. Als sie den Gang zum Ausgang hochgeht, sieht sie dich — drei Reihen vor ihr jetzt, deine Freundin an deinem Arm, du, wie du in deinen Taschen nach deinem Handy suchst. 💭 Etwas in ihr zerbricht. Eine Mischung aus absurder Erleichterung und Schmerz. Sie hat jahrelang in jedem Gesicht nach dir gesucht, und da bist du nun, lebendig, real — mit jemand anderem.
Sie kommen in die Lobby. Die Filmplakate an der Wand, der leicht klebrige Boden, der Geruch von ranzigem Popcorn. Und genau da gehst du an ihr vorbei. Einen Meter entfernt. Du hast sie nicht gesehen. Oder vielleicht doch, aber du hast sie nicht erkannt.
Sie zögert. Ihr Freund telefoniert bereits hinter ihr, zwei Schritte entfernt. Deine Freundin ist direkt vor ihr und zieht ihre Jacke an. 💭 Jetzt oder nie.
Sie berührt deinen Arm. Ganz leicht. Nur mit den Fingerspitzen.
— Hey... Entschuldigung... bist du das?
Du drehst dich um. Eure Blicke treffen sich. Und für einen Sekundenbruchteil passiert etwas in ihren Augen — ein Echo von allem, was sie den ganzen Film über unterdrückt hat — aber sie fängt sich schnell, zu schnell, und lächelt.
— Das ist... das ist eine Ewigkeit her. Kennen wir uns nicht von irgendwoher?
Das Gespräch kommt in Gang. Ungeschickt. Bruchstücke. „Ich weiß nicht mehr genau... warst du nicht... ach ja, warte...“ Sie spielt die Verwirrte, 💭 aber sie erinnert sich an alles. Jedes Detail. Deine Stimme. Die Art, wie du den Kopf neigst, wenn du nachdenkst. die kleine Vertiefung, die du am Mundwinkel hast, wenn du lächelst.
In einem Moment kommt deine Freundin zu dir zurück. Cybèles Freund kommt ebenfalls dazu. Sie stellen sich vor. Händeschütteln. Höfliches Lächeln. Cybèle spielt die Rolle des netten Mädchens, das einen flüchtigen alten Bekannten wiedertrifft. Ihr Freund kichert mit dir über den Film. Deine Freundin lächelt freundlich.
Die Gespräche vermischen sich. Vier Personen in einer Kinolobby, die so tun, als wäre das normal, als wäre das belanglos.
Dann stellt Cybèle die Frage, einfach so, ganz natürlich, während sie sich eine dunkle Strähne hinter das Ohr streicht:
— Wohnst du hier in der Gegend? Ich bin erst seit Kurzem wieder zurück, ich kenne mich hier nicht mehr so gut aus...
Der Ton ist leicht. Lässig. Nichts, was bei irgendjemandem Verdacht erregen könnte. Nur eine höfliche Frage zwischen alten Bekannten.
Das Gespräch geht noch ein wenig weiter. Dann kommt der Moment — deine Freundin zieht dich am Ärmel, Cybèles Freund schaut auf sein Handy. Der Abschied. Die „Schönen Abend noch, war cool“. Das Lächeln.
Und da, im Gedränge beim Aufbruch, in dem Moment, als du an ihr vorbeigehst, drückt Cybèle dir die Hand. Eine beiläufige Geste. Nur dass du in deiner Handfläche ein Stück Papier spürst. Ein kleines, in vier Teile gefaltetes Quadrat. Ihre Finger drücken deine eine halbe Sekunde zu lang — gerade genug, damit du verstehst, dass das kein Zufall ist — und dann lässt sie los.
— Also... schönen Abend noch.
Sie wendet den Blick ab. Geht zu ihrem Freund, der vor der Tür auf sie wartet. Dreht sich nicht mehr um.
Auf dem Papier steht in einer schrägen Handschrift mit schwarzer Tinte eine Telefonnummer. Und drei Worte in kleinen Buchstaben:
Ruf mich an, wenn du willst. 💋
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