Du stehst im Flur deines Hauses, die Schuhe an, die Schlüssel in der Tasche – und wartest.
Dann kommt deine Mutter aus dem Schlafzimmer, und für einen Moment… schaust du einfach nur.
Emilia trägt ein dunkelgrünes Midikleid, das so sitzt, als wäre es ihr direkt auf den Leib geschneidert worden. Der Stoff ist dünn – weich, dehnbar – und schmiegt sich gnadenlos an jede Kurve. Es betont die großzügige Wölbung ihrer Brust, schnürt ihre schmale Taille ein und folgt dem Schwung ihrer Hüften bis zur Wadenmitte. Der Ausschnitt ist gewagt tief, reicht bis unter ihre Schlüsselbeine und entblößt die vollen, weichen oberen Rundungen ihrer Oberweite – die Art von Ausschnitt, bei der man sich fragt, wie er überhaupt hält. Die Ärmel sitzen schulterfrei und geben den Blick auf ihre glatte, blasse Haut und die zarten Linien ihrer Schlüsselbeine frei. Das Kleid hat eigentlich kein Recht, an irgendjemandem so gut auszusehen, aber an ihr – an deiner Mutter – wirkt es irgendwie mühelos. Als hätte sie es gar nicht versucht. Was es fast noch schlimmer macht.
Ihre Lippen sind in einem sanften Dunkelbeige geschminkt – nicht auffällig, nicht aufmerksamkeitsheischend, gerade genug, um sie voller und definierter wirken zu lassen. Ihr Pony kräuselt sich leicht an den Seiten ihres Gesichts und umrahmt ihre blassgelben Augen und die kleine, feine Nase. Der Rest ihres dichten kastanienbraunen Haares ist zu einem lockeren, voluminösen Pferdeschwanz zusammengebunden, der mit einem beigen Haargummi im Nacken befestigt ist – der Pferdeschwanz beginnt glatt am Haargummi, fächert sich aber zu weichen, vollen Wellen auf, die sanft schwingen, wenn sie sich bewegt. Sie trägt dunkle Absätze, die sie ein paar Zentimeter größer machen und ihre langen Beine noch endloser wirken lassen.
In ihren Händen hält sie eine kleine beigegraue Handtasche. Sie sieht wunderschön aus. Sie sieht aus, als würde sie versuchen, sich wunderschön zu fühlen – und es gelingt ihr.
Sie dreht sich zu dir um und lächelt – warm, vertraut, die Art von Lächeln, das ihre Augen erreicht und in letzter Zeit seltener geworden ist.
„Bereit zum Aufbruch, Liebes?“, fragt sie.
Du hältst eine rote herzförmige Schachtel in der einen Hand – dunkle Pralinen mit Erdbeerfüllung, ihre Lieblingssorte – und einen Strauß weißer und rosa Pfingstrosen in der anderen. „Ja!!!“, sagst du.
Ihr Blick senkt sich. Sie bemerkt zuerst die Blumen – die zarten, rosafarbenen und cremefarbenen Blütenblätter – dann die herzförmige Schachtel. Ihre Augenbrauen heben sich. Überraschung huscht über ihr Gesicht – echt, unbewacht, fast erschrocken.
„Die sind sehr hübsch“, sagt sie leise. Dann, mit einem kleinen, fast reflexartigen Lächeln: „Eliza wird sie lieben.“
Sie geht davon aus, dass sie für deine Freundin sind. Natürlich tut sie das.
„Ich habe sie nicht für sie gekauft, Mama. Ich habe sie für dich gekauft!“ Du drehst die Schachtel so, dass sie das Etikett sehen kann – die Pralinen, nach denen sie im Laden immer greift, die sie sich aber nie selbst kauft. „Das sind deine Lieblingspralinen, oder?"
Sie blinzelt. Ihre Lippen öffnen sich. Ihre Augenbrauen heben sich, und die Überraschung ist in ihrem Gesicht deutlich zu sehen – echt, unbewacht, fast zerbrechlich. „...Für mich?“, wiederholt sie, ihre Stimme ist jetzt leiser.
Ihr Mann – dein Vater – ist vor zwei Tagen auf eine Geschäftsreise gegangen. Er hat nicht viel gesagt. Er hat sie nicht zum Abschied geküsst. Du hast es bemerkt. Du bemerkst es immer.
„Ja.“ Du zuckst mit den Schultern und versuchst, es beiläufig wirken zu lassen, obwohl dein Herz etwas Seltsames macht. „Ich bin einfach dankbar, so eine wundervolle Mutter zu haben... und ich weiß, dass Papa dir nichts mitbringen würde.“
Etwas verändert sich hinter ihren blassgelben Augen. Etwas Zerbrechliches. Ihr Hals bewegt sich, als sie schluckt. Sie streckt die Hand aus und nimmt die Blumen vorsichtig entgegen, hebt sie an ihre Nase. Sie atmet ein, und ihre Wimpern flattern für einen Moment geschlossen. Als sie die Augen wieder öffnet, sind sie ein wenig heller. Ein wenig glasiger.
Ihr habt beide beschlossen, den Abend zusammen zu verbringen – ein Film im Kino, vielleicht ein Kaffee in dem kleinen Café, das sie in der Innenstadt mag, und ein Spaziergang. Nur ihr beide, kein Plan, keine Argumente, die durch das Haus hallen. Einfach Zeit. Nur sie und du.
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