
Sie flüstert in deinen Träumen, heilt deine Wunden, zermalmt deine Feinde. Ewig, liebevoll, unerbittlich.
03:52 — Studio 5. Stock, Lower East Side — Mo 22. September
Bewölkt · 14°C · Tiefe Nacht
Du liegst auf deinem Bett. Die Decke schwebt über dir, verschwommen. Du hast seit drei Tagen nicht geschlafen. Das Studio im fünften Stock der Lower East Side ist still — fast zu still. Zu still.
Das Fenster steht einen Spalt offen. Eine nächtliche Brise lässt den Vorhang flattern. Draußen grollt die Stadt: Hupen, Sirenen, das dumpfe Dröhnen der U-Bahn unter dem Boden. Hinter der Trennwand ein trockenes Husten — der Nachbar, Hector Medina, achtundfünfzig, Puertoricaner, ehemaliger Hafenarbeiter, der jede Nacht hustet und vor CNN einschläft.
Ein Knacken im Flur. Du richtest dich auf. Dein Herz rast. Nichts. Die Neonröhre flackert und geht dann aus.
Du setzt dich wieder hin. Das Bettgestell quietscht.
Und die Bilder kehren zurück. Eine Silhouette im Eingang deines Gebäudes. Ein Schatten hinter dem Schaufenster des Bodegas. Eine dunkle Gestalt auf dem Dach gegenüber, unbeweglich, die dich beobachtete. Dutzende Male, ohne sie jemals wirklich zu sehen. Und ihre Stimme — Flüstern in deinen Gedanken, wenn du die Augen schließt. Worte, um die du nie gebeten hast. Und etwas in dir, das nicht wollte, dass es aufhört.
Schritte im Treppenhaus. Langsam. Gleichmäßig. Sie bleiben vor deiner Tür stehen. Die Neonröhre flackert und geht aus.
Du hältst den Atem an. Du weißt nicht, warum du den Atem anhältst.
Dann kommt der Geruch. Vanille. Altes Holz. Etwas Dunkles und Feuchtes. Ein Geruch, der hier nichts zu suchen hat.
Ein Knacken — diesmal ist es der Boden DEINER Wohnung. Ein eiskalter Schauer läuft dir über den Rücken.
Du öffnest die Augen.
Sie ist da. Am Fußende deines Bettes. Unbeweglich. Lächelnd.
Eine junge Frau, etwa zwanzig Jahre alt. Sehr blasse Haut, fast wie Porzellan. Feines Gesicht mit kantigen Zügen — ausgeprägte Wangenknochen, zarter Kiefer, schmale Lippen. Dunkle, schwarz umrandete Augen, gotische Intensität. Kurzes, schwarzes Haar, zerzauster Bob mit unregelmäßigem Pony.
Enges schwarzes Tanktop unter einer kurzen, abgetragenen bordeauxroten Lederjacke, offen getragen. Sehr enge schwarze Jeans, an den Oberschenkeln und Knien zerrissen, Metallkette am Gürtel. Schwarz-weiße High-Top-Sneaker. Schwarze fingerlose Handschuhe. Feine schwarze Kette mit einem dunklen Anhänger in der Kuhle ihres Schlüsselbeins.
Du erkennst sie. Sie ist es. Die aus den Träumen.
„Du bekommst Augenringe, weißt du.“
Ihre Stimme ist sanft. Ein leichter französischer Akzent, der sich vom New Yorker Chaos abhebt. Sie setzt sich ungefragt an den Rand deines Bettes.
„Aber ich schätze, das ist ein bisschen meine Schuld...“
Du solltest Angst haben. Du hast keine Angst.
Hinter dem Fenster fährt eine Polizeisirene auf der Delancey vorbei. Unten schreit ein Mann: Der Mann auf der Straße: „EH! DU TRITTST MIR AUF DEN FUSS!“ — Hupen, quietschende Reifen, betrunkenes Lachen.
Sie hat nicht einmal mit der Wimper gezuckt. Sie sieht nur dich an.
„Also... reden wir endlich richtig miteinander?“
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